Schwerpunkte
Paar- und Beziehungsdynamiken
Wir kennen unsere Love Languages, diskutieren über Bindungsstile und wissen dank selbsternannter Social-Media-Coaches inzwischen ziemlich genau, wie eine gesunde Beziehung auszusehen hat. Zumindest theoretisch.
In der Praxis reicht manchmal schon eine unbeantwortete Massage, um eine Grundsatzdiskussion über Wertschätzung, Prioritäten und emotionale Verfügbarkeit auszulösen.
Wir wünschen uns Nähe, ziehen uns aber zurück, sobald es schwierig wird. Wir erwarten Verständnis, ohne unsere Bedürfnisse klar zu formulieren. Und manchmal streiten wir seit Jahren über dieselben Dinge, nur mit zunehmend besseren Argumenten.
Dahinter stehen häufig früh erlernte Bindungsmuster, unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen, eingefahrene Verhaltensweisen und Erwartungen, die nie ausgesprochen wurden.
Die entscheidende Frage ist nicht, wer den Streit begonnen hat, Sondern warum beide ihn inzwischen so gut beherrschen.
In der Paartherapie werden diese wiederkehrenden Interaktionsmuster untersucht. Nicht, um den nächsten Streit besser zu führen oder den schuldigen Partner ausfindig zu machen, sondern um etwas an seinem Verlauf zu verändern.
Trennung & Scheidung
Die Gesellschaft befindet sich in einem nahezu unaufhörlichen Wandel. Technologischer Fortschritt, veränderte Lebensentwürfe und neue gesellschaftliche Werte prägen den Alltag. Und mittendrin verändern sich auch die Menschen selbst. Persönliche Entwicklung endet schließlich nicht mit der Hochzeit.
Werte verschieben sich, Interessen verändern sich, Prioritäten werden neu gesetzt. Der Mensch, der mit Anfang zwanzig perfekt ins eigene Leben passte, muss mit vierzig nicht mehr dieselben Vorstellungen von Partnerschaft und Zukunft teilen.
Manchmal entwickeln sich zwei Menschen gemeinsam weiter. Manchmal in unterschiedliche Richtungen. Und manchmal liegen die persönlichen Bedürfnisse und Lebensvorstellungen irgendwann so weit auseinander, dass sich trotz aller Bemühungen kein gemeinsamer Weg mehr finden lässt.
Besonders hartnäckig hält sich dennoch die Vorstellung, Eltern müssten allein der Kinder wegen zusammenbleiben.
Dabei schulden Eltern ihren Kindern keine Ehe auf Lebenszeit. Sondern Erwachsene, die Verantwortung für ihr eigenes Leben und ihre Zufriedenheit übernehmen.
Kinder lernen nicht nur aus dem, was Eltern ihnen erklären, sondern vor allem aus dem, was sie ihnen vorleben. Dazu gehört auch der Umgang mit Veränderungen, schwierigen Entscheidungen und der eigenen Lebenszufriedenheit.
Wer das eigene Unglück dauerhaft mit den Kindern begründet, überträgt ihnen damit unter Umständen eine Verantwortung, die niemals ihre sein sollte.
Eine Trennung kann Kindern viel zumuten. Eine unglückliche Beziehung, die ausschließlich ihretwegen aufrechterhalten wird, allerdings auch.
Systemische Trennungs- und Scheidungsberatung berücksichtigt deshalb nicht nur die Entscheidung zur Trennung, sondern insbesondere die familiären Wechselwirkungen, die daraus entstehen. Denn eine Partnerschaft kann enden, ohne dass die gemeinsame Verantwortung als Eltern endet.
Interkulturelle Paar- und Familiendynamiken
Deutschland ist eine multikulturelle Gesellschaft. Unterschiedliche Sprachen, Religionen und kulturelle Prägungen gehören längst zum Alltag. Dass diese Vielfalt auch innerhalb von Partnerschaften und Familien aufeinandertreffen kann, ist wenig überraschend. Interessanter wird es allerdings dort, wo vermeintlich dieselbe Kultur auf sich selbst trifft.
Gerade in der türkischstämmigen Gesellschaft hält sich mitunter die Vorstellung, eine Partnerschaft innerhalb der eigenen Herkunftskultur verspreche weniger Konflikte. Schließlich stimmen Sprache, Traditionen und familiäre Werte überein. Zumindest auf dem Papier.
Dabei können zwischen zwei Menschen aus der Türkei kulturell Welten liegen. Zwischen Istanbul und einem Dorf in Ostanatolien liegen nicht nur geografische Entfernungen, sondern möglicherweise völlig unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechterrollen, Ehe, Erziehung, Religion und familiärer Verantwortung.
In Deutschland treffen diese unterschiedlichen Prägungen aufeinander – häufig unter der selbstverständlichen Annahme, schließlich derselben Kultur anzugehören.
Hinzu kommen die Unterschiede zwischen den Generationen. Während die erste Generation häufig noch stark von den gesellschaftlichen Normen ihrer Herkunftsregion geprägt wurde, wachsen die zweite und dritte Generation zwischen familiär vermittelten Traditionen und den Wertvorstellungen der deutschen Gesellschaft auf.
Dabei entstehen nicht selten widersprüchliche Erwartungen. Selbstbestimmung und familiäre Loyalität, individuelle Lebensentwürfe und traditionelle Rollenbilder, persönliche Freiheit und die Sorge um das gesellschaftliche Ansehen der Familie müssen irgendwie miteinander vereinbart werden.
Besonders bei Partnerwahl, Ehe, Scheidung und Kindererziehung zeigt sich, wie unterschiedlich diese Vorstellungen selbst innerhalb einer Familie sein können.
Und manchmal wird aus einer Entscheidung zwischen zwei Erwachsenen eine Angelegenheit, bei der Eltern, Schwiegereltern und die halbe Verwandtschaft erstaunlich selbstverständlich ein Mitspracherecht beanspruchen.
Dieselbe Herkunft bedeutet noch lange nicht dieselben Werte zu haben und eine gemeinsame Sprache garantiert nicht, dass zwei Menschen einander verstehen.
Gerade deshalb reicht es nicht, kulturelle Unterschiede lediglich zu erkennen. Entscheidend ist, ihre historischen, gesellschaftlichen und familiären Hintergründe zu verstehen. Welche Werte wurden über Generationen weitergegeben? Welche Erwartungen haben sich verändert? Und welche vermeintlich persönlichen Konflikte sind möglicherweise Ausdruck ganz unterschiedlicher kultureller und gesellschaftlicher Prägungen?
Ein fundiertes Verständnis dieser Zusammenhänge ist in der systemischen Paar- und Familientherapie von besonderer Bedeutung. Denn wer kulturelle Unterschiede ausschließlich an Nationalität oder Religion festmacht, übersieht mitunter genau die Dynamiken, die innerhalb einer Familie den größten Einfluss haben.
Als Deutsch-Türkin kenne ich die unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Bezugssysteme, in denen insbesondere türkischstämmige Familien in Deutschland leben. Die damit verbundenen Spannungsfelder zwischen Tradition, individueller Entwicklung, familiären Erwartungen und gesellschaftlichem Wandel bilden einen besonderen Schwerpunkt meiner systemischen Arbeit.
Dabei geht es nicht darum, kulturelle Traditionen pauschal infrage zu stellen oder eine Lebensweise als die richtige zu definieren. Entscheidend ist, welche Werte Menschen tatsächlich teilen, welche Erwartungen sie übernommen haben und welche Vorstellungen sie für ihr eigenes Leben entwickeln möchten.